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Im Interview: Prof. Dr. Wolfgang Greiner, Universität Bielefeld

Wolfgang Greiner Der Gesundheitsfonds kommt -  Doch löst er die Probleme im Gesundheitswesen? Der krankenkassenRATGER sprach über Kosten im Gesundheitswesen, die Gesundheitsreform und den damit verbundenen Gesundheitsfonds mit Prof. Dr. Wolfgang Greiner, Inhaber des Lehrstuhls für "Gesundheitsökonomie und Gesundheitsmanagement" an der Universität Bielefeld.

krankenkassenRATGEBER: Die Kosten im Gesundheitswesen werden aufgrund des hohen Standards und der hohen Anforderungen weiter steigen. Wie kann das Problem bewältigt werden? Haben wir bald amerikanische Verhältnisse?

Prof. Dr. Wolfgang Greiner:
Es herrscht in Deutschland ein breiter Konsens, dass ein umfassender Versicherungsschutz gegen Krankheitskosten für alle Bürger erhalten bleiben muss. Die demographische Entwicklung und der medizinische Fortschritt machen eine vollständige Finanzierung aller medizinisch notwendigen Leistungen aber auf Dauer unmöglich. Ein vollständiger solidarisch finanzierter Versicherungsschutz sollte sich daher auf diejenigen konzentrieren, die sich eine private Absicherung nicht leisten können. Jemandem, der 10.000 Euro im Monat verdient, kann zugemutet werden, dass er (zum allgemeinen Beitragssatz) nur einen Teil der Kosten erstattet bekommt, beispielsweise 60 Prozent der Ausgaben. Die übrigen 40 Prozent wären dann privat und freiwillig zusatzzuversichern. Jemandem, der dagegen weniger als z.B. 1.000 Euro verdient, ist dies nicht zuzumuten und sollte daher zum allgemeinen Beitragssatz wie bisher vollen Anspruch auf Versicherungsleisten haben.

krankenkassenRATGEBER: Die Gesundheitsreform tritt 2009 in Kraft. Bald wird es Pauschalbeträge für Behandlungen geben. Ist das realistisch und ist so noch eine gute Behandlung möglich?

Prof. Dr. Wolfgang Greiner: Pauschalhonorierungen gibt es im Krankenhausbereich schon eine Reihe von Jahren, und die Ergebnisse sind durchaus positiv und akzeptiert. Die Honorierung nach Einzelleistungen birgt immer die Gefahr der ungerechtfertigten Leistungsausweitungen durch die Ärzte und Krankenhäuser, um auf diese Weise höhere Honorare abzurechnen. Wird der Preis für eine Leistung wie eine Operationen dagegen vorab pauschal festgelegt, bestehen diese Probleme nicht, da zusätzliche Leistungen in der Regel dann nicht zusätzlich vergütet werden. Allerdings müssen Pauschalhonorierungssysteme immer von Maßnahmen zur Sicherung der Qualität begleitet sein.

krankenkassenRATGEBER: In Amerika gibt es Fälle, in denen Kranke von Krankenhäusern nicht aufgenommen wurden. Ist so etwas in Zukunft auch bei uns möglich?

Prof. Dr. Wolfgang Greiner: Im Notfall ist hier wie in den USA jeder zur Hilfe verpflichtet, insbesondere natürlich Krankenhäuser. Allerdings hat in den USA, anders als bei uns, nicht jeder Krankenversicherer mit nahezu jedem Krankenhaus und ambulant tätigen Arzt einen Behandlungsvertrag. In diese Richtung wird es mit unserem Gesundheitssystem vermutlich auch gehen. Dann kommt es darauf an, wo man versichert ist, und davon hängt dann ab, in welchem Krankenhaus und bei welchem praktischen Arzt man sich behandeln lassen kann, wenn es nicht gerade ein Notfall ist. Und das kann natürlich zu Umstellungsproblemen mit Verwirrungen und Verzögerungen führen, weil die Patienten hier in Europa daran anfangs überhaupt nicht gewöhnt sind.
 
krankenkassenRATGEBER: Werden in Zukunft nur noch Behandlungen akuter gesundheitlicher Probleme von den Krankenkassen getragen?

Prof. Dr. Wolfgang Greiner: Prävention bleibt auch weiterhin eine Aufgabe der Krankenkassen, aber in welchem Umfang sie das zukünftig erfüllen, muss man abwarten. Präventive, also vorsorgende Maßnahmen, die schnell Effekte zeigen und sich daher schnell rechnen, werden eher aufgegriffen werden, um den vorgegebenen allgemeinen Beitragssatz einzuhalten. Projekte, die sich eher langfristig rechnen, und dazu gehören viele präventive Maßnahmen, werden es zukünftig schwerer haben, umgesetzt zu werden.

krankenkassenRATGEBER: Zusätzlich zum Krankenkassenbeitrag muss der Kassenpatient jeweils viele Zusatzzahlungen leisten. Wird das so bleiben?

Prof. Dr. Wolfgang Greiner: Wir werden uns zukünftig darauf einrichten müssen, neben dem allgemeinen Beitragssatz Zusatzbeiträge und höhere Selbstbeteiligungen zu zahlen. Die Zusatzbeiträge werden erheblich zwischen den Krankenkassen variieren und bedeuten zukünftig einen wichtigen Wettbewerbsparameter. International haben wir derzeit eher ein geringes Selbstbeteiligungsniveau, bei Arzneimitteln beispielsweise maximal 10 Euro pro Packung. Abgemildert wie bislang durch eine Sozialklausel, die die finanziellen Folgen für Geringverdiener erträglich macht, kommen höhere Belastungen für die Inanspruchnahme von Leistungen auf uns zu. Damit wird mehr Verantwortung auf die Patienten verlagert, finanziell und inhaltlich. Eine Herausforderung wird zukünftig insbesondere die Finanzierung von Innovationen sein, denn deren Wert kann zutreffend meist erst nach Jahren bemessen werden. Eine Entscheidung darüber, ob die Kassen sie bezahlen sollen, muss aber sehr viel eher getroffen werden. Es gibt bereits Vorschläge, dass solche Innovationen nur noch mit einer weiteren Zusatzversicherung abgedeckt sein sollen.

krankenkassenRATGEBER: Was halten Sie vom so genannten Gesundheitsfonds?

Prof. Dr. Wolfgang Greiner: Der Gesundheitsfonds löst nicht ein einziges Problem des derzeitigen Gesundheitssystems in Deutschland. Er bietet weder eine Antwort auf die demographische Herausforderung mit immer mehr alten Menschen, die naturgemäß einen höheren durchschnittlichen Bedarf nach Gesundheitsleistungen haben als jüngere, noch auf die Frage der Finanzierung des weiteren medizinischen Fortschrittes. Gleichzeitig wurde ein verbesserter Risikostrukturausgleich zur Unterstützung von Kassen mit vielen kranken Versicherten eingeführt, der aber auch ohne einen Gesundheitsfonds möglich gewesen wäre. Der Zusatzbeitrag wird zwar zu mehr Wettbewerbsintensität zwischen den Kassen führen, aber dieses Preissignal ist keineswegs ideal, da es durch eine falsch finanzierte Sozialklausel verzerrt ist und die Kassen zumindest in der Einführungsphase zu einer Finanzmanagement zwingen wird, das nur den kurzfristigen Erfolg in den Mittelpunkt stellt.

Das Interview führte Torsten Leidloff.

Sie möchten wissen, wie es sich mit dem Gesundheitssystem in den USA verhält? Dann sehen Sie am Samstag, den 8. November 2008, ab 20.15 Uhr auf FOCUS GESUNDHEIT bei Premiere den preisgekrönten Dokumentarfilm „Sicko“ von Michael Moore über das US-amerikanische Gesundheitssystem und im Anschluss daran eine Reportage in der Prof. Dr. Wolfgang Greiner als Experte einige der vorgestellten Fälle aus dem Film „Sicko“ analysiert und erläutert, inwieweit diese Ereignisse auch in Deutschland vorkommen könnten. Zudem begleitet ein Kamerateam Ärzte in ihrem Alltag in Deutschland. Weitere Informationen unter focusgesundheit.tv.
 
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