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Hebammenproteste: Warum die Politik jetzt handeln muss

Im Interview: Martina Klenk - Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes

Martina Klenk - Präsidentin des Hebammenverbandes
Foto: Noel Matoff
Freiberuflich arbeitende Hebammen finden kaum noch eine bezahlbare Haftpflichtversicherung für ihr Berufsrisiko und sind daher als Berufsstand bedroht. Inzwischen gibt es für sie bundesweit nur noch einen Versicherer. Das könnte verheerende Folgen für die Geburtsbetreuung in Deutschland haben. Martina Klenk, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes, spricht im Interview über den dringenden Handlungsbedarf der Politik.


Warum müssen Hebammen versichert sein, um ihren Beruf ausüben zu können?

Martina Klenk: Das ist absolut notwendig. Hebammen wollen Mutter und Kind schützen, das ist ihr Auftrag. Aber Hebammen sind Menschen, uns können Fehler passieren. Dann müssen geschädigte Kinder und ihre Mütter alle Hilfeleistungen und finanzielle Unterstützung bekommen, die sie brauchen. 


Sind alle Hebammen gleichermaßen von gestiegenen Versicherungsbeiträgen betroffen?


Martina Klenk:
Ja, die Haftpflichtversicherung ist für alle Hebammen teurer geworden. Besonders gravierend ist es aber für die freiberuflichen Hebammen, die Geburten begleiten. Sie betreuen mehr als 20 Prozent der Geburten in Deutschland. Mit der Geburtshilfe, unserem Kerngeschäft, verdienen freiberufliche Hebammen deutlich zu wenig, um die Versicherungsprämie bezahlen zu können. Dabei ist das Risiko, das eine Hebamme bei jeder Geburt trägt, sehr hoch. Sie wird im Schadenfall haftbar gemacht, möglicherweise sogar strafrechtlich verfolgt und steht mit einem Bein im Gefängnis. Für viele Hebammen lohnt sich das nicht mehr. Sie ziehen sich zunehmend aus der Geburtshilfe zurück und betreuen Mütter nur noch vor und nach der Geburt.
 

Sie befürchten, dass freiberufliche Hebammen ab Mitte 2015 keine Geburten mehr betreuen können. Was würde das für werdende Mütter bedeuten?

Martina Klenk: Die Frauen hätten keine Wahl mehr, ob sie zu Hause, im Geburtshaus oder im Krankenhaus entbinden möchten. In 97 Prozent der Fälle gehen sie in eine Klinik. Wenn eine Frau aber nicht ins Krankenhaus möchte, weil sie sich zu Hause am sichersten und geborgensten fühlt, warum soll sie das Kind nicht mit Hilfe einer Hebamme auch dort zur Welt bringen? Es gibt internationale Studien, die belegen, dass eine Hausgeburt sicher ist. Es geht hier um eine ganz persönliche Entscheidung, um Wahlfreiheit, die gesetzlich verbürgt ist. Es ist ein Frauenrecht und ein Recht auf Körperautonomie, das erhalten werden muss.

"Kein Arzt stellt sich 16 Stunden neben das Kreißbett"

Nicht alle Kliniken arbeiten mit festangestellten Hebammen, in ländlichen Regionen sind es oft freiberufliche Beleghebammen. Wenn das nicht mehr ginge, wäre das ein großes Problem für die Mütter. Kein Arzt stellt sich 16 Stunden neben das Kreißbett oder geht mit der Mutter zwischendurch im Park spazieren, um die Wehen zu veratmen. Ärzte und Hebammen haben gänzlich verschiedene Professionen. Der Arzt ist wichtig, wenn die Geburt nicht normal verläuft, wenn beispielsweise ein Kaiserschnitt nötig ist. Die Hebamme braucht die Frau auch für die psychosoziale Betreuung. Vielen Frauen ist die ganzheitliche Betreuung – vor, während und nach der Geburt – sehr wichtig.
 

Was wünschen Sie sich von der Versicherungswirtschaft?

Martina Klenk: Faire Versicherungsbeiträge. Mit ihrem jetzigen Einkommen sind die Beiträge für die Hebammen nicht mehr zu erwirtschaften. Es ist ganz klar, dass Versicherer kalkulieren müssen. Wir sehen, dass sich die Schäden nach oben entwickeln und ich verstehe, dass es eine Frage der Wirtschaftlichkeit ist. Insofern sind wir sehr froh, dass wir das Versichertenkonsortium bis Mitte 2015 noch haben.

Wie sieht ihre politische Arbeit derzeit aus?

Martina Klenk: Wir führen viele Gespräche mit der Politik. Zum Beispiel mit der Sozialministerin in Schleswig-Holstein, die eine Bundesratsinitiative starten will. Minister Gröhe hat uns vergangene Woche kurzfristige Hilfe zugesagt, damit die Hebammen weiter arbeiten und die Haftpflichtprämien bezahlen können. Ich bin seit fast fünf Jahren Verbandspräsidentin, es ist der dritte Bundesgesundheitsminister, mit dem ich verhandele. In den nächsten Wochen sind zahlreiche Gespräche mit Abgeordneten aller Fraktionen und mit der Vorsitzenden der Gesundheitsministerkonferenz geplant. Die Politik ist sehr offen, sieht die Dringlichkeit und ist an einer echten Lösung interessiert.


Was erwarten Sie konkret von der Politik?

Martina Klenk: Wir sind erneut in Verhandlungen mit der gesetzlichen Krankenversicherung zur Höhe der Vergütungen. Höhere Einkommen für die Hebammen sind ein wichtiger Punkt. Ein weiterer sind die Regresse der Sozialversicherungsträger. Ich denke, das ist auch eine Frage der Kultur in unserem Land. Durch den Regressparagrafen, den wir in Deutschland haben, sind die Sozialversicherungsträger aufgerufen vom Schädiger Zahlungen wieder zurück zu holen. Herr Spahn hat kürzlich in einem Interview vorgeschlagen, dies möglicherweise zu begrenzen. Ein dritter Punkt ist die sehr lange Haftungszeit von über 30 Jahren. Sie ist auch eine sehr hohe psychische Belastung für die Hebammen. In jedem Fall brauchen wir eine langfristige strukturelle Lösung.


Wie könnte eine langfristige Lösung aussehen?


Martina Klenk: Wir haben mehrere Lösungsvorschläge unterbreitet, die derzeit zur Prüfung im Bundesministerium für Justiz liegen. Wir fordern zum Beispiel eine Haftungsobergrenze, die bei drei Millionen Euro liegen könnte. Bis zu dieser Grenze würden sich die Hebammen versichern, Schäden darüber hinaus könnte ein steuerfinanzierter Fonds tragen. Eine solche Haftungsobergrenze könnte dann vielleicht auch den Markt für Versicherer wieder attraktiver machen. 

 
Zur Person: Martina Klenk ist seit 2009 Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes, dem größten nationalen Hebammenverband. Zehn Jahre hat sie als Hebamme gearbeitet, davon sieben Jahre in leitender Position an der Frauenklinik des Universitätsklinikums Gießen.  Vor ihrem Hebammenexamen studierte sie Germanistik, Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaften und arbeitete ein Jahr als Krankenschwester. Sie ist kinderlos.

 

Quelle: GDV.de

 

 
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 04:15    19.11.2017