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"Es gibt keinen fairen Wettbewerb zwischen den Systemen"

Im Interview: Prof. Ulrich Meyer über die Widersprüche im Verhältnis zwischen GKV und PKV

Prof. Ulrich Meyer Professor Ulrich Meyer hat aus volkswirtschaftlicher Sicht das duale Versicherungssystem in Deutschland untersucht. Seine These: Beide Systeme subventionieren sich gegenseitig - zum Schaden aller Beteiligten im Gesundheitswesen. Besonders kritisch sieht Meyer die Versicherungspflichtgrenze. PKV-Alterungsrückstellungen sollten nach Meyers Ansicht auch in die GKV übertragen werden können.

 


krankenkassenRATGEBER:
Wie beurteilen Sie aus volkswirtschaftlicher Sicht den bestehenden Wettbewerb zwischen den beiden Versicherungssystemen in Deutschland ?

Wettbewerb ist grundsätzlich gut und in einer Marktwirtschaft von zentraler Bedeutung. Allerdings muss der Rahmen, in dem Wettbewerb stattfindet, angemessen sein. Das ist zwischen GKV und PKV nicht der Fall. Für einen großen Teil der Bevölkerung ist die Art der Krankenversicherung staatlich vorgegeben: Z. B. müssen sich Beamte faktisch privat versichern und ebenso die meisten Selbständigen, während abhängig Beschäftigte mit geringem und mittlerem Einkommen der GKV zugewiesen sind. Wettbewerb findet im Wesentlichen nur um Arbeitnehmer oberhalb der Versicherungspflichtgrenze statt. Weil die PKV bis auf wenige Ausnahmen niemanden aufnehmen muss kann die PKV hierbei Risikoselektion betreiben, also Personen mit erhöhtem Krankheitsrisiko ablehnen. Das ist unfairer Wettbewerb, da die GKV niemanden wegen seines Krankheitsrisikos zurückweisen darf.


krankenkassenRATGEBER:  Inwiefern findet Ihrer Meinung nach eine Subventionierung der PKV durch die GKV und umgekehrt statt ?

Unter „Subventionierung“ der PKV durch die GKV verstehe ich den Sachverhalt, dass die GKV Kosten im Gesundheitswesen zu tragen hat, die bei einem fairen Wettbewerb eigentlich von der PKV zu entrichten wären. Ein Beispiel dafür stellen die Mehrkosten dar, welche sich aus der Risikoselektion der PKV ergeben. Denn die hohen Krankheitskosten der von der PKV abgelehnten Personen müssen dann von der GKV getragen werden.

Weiterhin muss die Gesamtheit der GKV-Versicherten mit ihren Beiträgen die Krankheitskosten von überproportional vielen Kindern finanzieren, weil Familien mit (vielen) Kindern sich eher für die GKV entscheiden und Ehepaare und Alleinstehende ohne Kinder eher für die PKV. Ähnliches gilt bzgl. der hohen Krankheitskosten älterer Personen, deren Anteil in der GKV ebenfalls deutlich höher ist als in der PKV.
Umgekehrt wird die GKV durch die PKV „subventioniert“ dadurch, dass die PKV für ihre Versicherten für identische ärztliche Leistungen und Medikamente höhere Preise zu zahlen hat als die GKV. Würde die PKV nicht diese höheren Preise für z. B. ärztliche Leistungen zahlen, so würden die Ärzte sicherlich höhere Vergütungen von der GKV verlangen (und auch durchsetzen). Berechnet man diese Milliarden Euro betragenden „Subventionen“, so stellt man fest, dass insgesamt mehr Geld von der GKV an die PKV fließt als umgekehrt.

krankenkassenRATGEBER:  Ist das Problem der Übertragung von Alterungsrückstellungen bei einem Tarifwechsel innerhalb der PKV durch die gesetzlichen Bestimmungen hinreichend gelöst ?

Im Alter sind die Krankheitskosten im Schnitt um ein Vielfaches höher als in jungen Jahren. In der PKV dienen daher die Versicherungsprämien zu Beginn eines Versicherungsvertrags auch zum „Vorsorgesparen“ für die hohen Kosten im Alter. Die sich daraus ergebenden Mittel werden für jeden Versicherten in der sog. Alterungsrückstellung angesammelt. In der Vergangenheit wurden diese Geldbeträge bei einem Wechsel zu einem anderen PKV-Unternehmen ersatzlos einbehalten, sodass der Sparvorgang fürs Alter im neuen Unternehmen wieder von Null an begonnen werden musste. Durch einen Wechsel erhöhte sich daher die zu zahlende Versicherungsprämie sehr stark mit der Konsequenz, dass solche Versicherungswechsel kaum stattfanden: Die privat Versicherten waren praktisch auf Gedeih und Verderb ihren jeweiligen Versicherungsunternehmen verbunden.

Für die seit 2009 abgeschlossenen privaten Versicherungsverträge wird bei Wechsel zu einem neuen privaten Versicherungsunternehmen ein Teil der Alterungsrückstellung (der auf den Basistarif entfallende Anteil) zum neuen Unternehmen übertragen. Das ist eine deutliche Verbesserung – das Problem der Übertragung der Alterungsrückstellungen ist damit aber nicht gelöst. Zum Einen wirkt der Verlust eines großen Teils der Alterungsrückstellung immer noch stark wettbewerbshemmend. Zum Zweiten ist die gesetzliche Regelung der Übertragung („kalkulatorische Alterungsrückstellung“) nicht in der versicherungstechnisch erforderlichen Weise erfolgt.

Darüber hinaus wäre aus Gründen eines fairen Wettbewerbs zwischen PKV und GKV auch eine Übertragung der Alterungsrückstellung bei einem Wechsel von der PKV in die GKV erforderlich: Ein mit 50 Jahren in die GKV wechselnder Versicherungsnehmer hat jahrelang in der PKV für seine im Alter zu erwartenden hohen Krankheitskosten gespart; durch den Wechsel in die GKV fallen die hohen Kosten im Alter jetzt aber zu Lasten der GKV an, während das angesparte Geld der PKV zugute kommt.

krankenkassenRATGEBER:  Könnte sich Ihrer Meinung nach die weltweite Finanz- und Zinskrise zum Knockout für die kapitalbasierte PKV entwickeln ?

Grundsätzlich ist die PKV wie andere Versicherungszweige (besonders die Lebens- und die Rentenversicherung) stark vom niedrigen Zinsniveau betroffen: Sie kalkuliert ihren Prämien aufgrund der Annahme, dass sie ihre Kapitalanlagen stets mindestens mit 3,5% verzinsen kann, was derzeit immer schwieriger wird. Allerdings ist dieser Zinssatz (anders als in der LV und RV) nicht vertraglich garantiert; falls der Rendite sicherer Kapitalanlagen längerfristig niedrig bleiben sollte, würde in der PKV der Kalkulationszinssatz einfach gesenkt werden. Das würde allerdings zu starken Prämienerhöhungen der PKV, insbesondere für die Bestandskunden, führen.

krankenkassenRATGEBER:  Für wie zukunftsfähig halten Sie das duale Versicherungssystem aus GKV und PKV im Wahljahr 2013 und darüber hinaus ?

Es ist bisher nicht gelungen, durch kleinere Änderungen innerhalb des Systems einen fairen Wettbewerb zwischen der solidarisch organisierten GKV und der (fast) rein marktwirtschaftlichen PKV herzustellen. Eine besonders augenfällige Ungerechtigkeit des bestehenden Systems liegt in der Versicherungspflichtgrenze (VPG): In der GKV zahlen die besser Verdienenden (wegen des konstanten Beitragssatzes) höhere Versicherungsbeiträge und unterstützen dadurch solidarisch die Niedrigverdiener. Innerhalb der GKV ist das gesetzlich so vorgeschrieben. Das Gesetz sieht aber andererseits vor, dass, wer besonders viel verdient (mehr als die VPG), sich aus der Solidarität dieses Systems verabschieden (d. h. in die PKV wechseln) darf. Es mehren sich daher die Stimmen (und auch konkrete Vorschläge) in Wissenschaft und Politik, die radikalere Änderungen fordern. Das wird auf Dauer sicherlich zu einer grundlegenden Änderung (und vielleicht Abschaffung) des dualen Systems führen.

 

Prof. Dr. Ulrich Meyer ist Professor Emeritus für Volkswirtschaftslehre, insbes. Mikroökonomie und Ordnungspolitik an der Universität Bamberg. Er studierte Mathematik und Volkswirtschaftslehre und promovierte und habilitierte an der Universität Münster. Vor der Übernahme des Lehrstuhles in Bamberg hatte er eine Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Mainz inne.

 

 

 

 
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Startseite arrow Privat versichert arrow PKV im Interview arrow "Es gibt keinen fairen Wettbewerb zwischen den Systemen"  01:54    23.01.2019